Lyrische Landschaften

Rosen | 160 cm x 200 cm | 2010 | Öl auf Aluminiumplatten

Gottfried Benn

Rosen


Wenn erst die Rosen verrinnen
aus Vasen oder vom Strauch
und ihr Entblättern beginnen,
fallen die Tränen auch.

Traum von der Stunden Dauer,
Wechsel und Wiederbeginn,
Traum – vor der Tiefe der Trauer:
blättern die Rosen hin.

Wahn von der Stunden Steigen
aller ins Auferstehn,
Wahn – vor dem Fallen, dem Schweigen:
wenn die Rosen vergehn

Gottfried Benn. Sämtliche Werke. Klett-Cotta, Stuttgart 1998

 

Hans-Jürgen Blenskens

VERGÄNGLICHKEIT

 

Im Alltag der Erinnerung
schleift der Kiesel zu Sand
die Brücke der Hoffnung
trägt vergangenes Land
über den Fluß der verschollenen Gedanken
Hier scheint die Welt zu wanken
doch führt der Weg auf schwarzem Samt
hin zu den grünen Ranken
von ihnen wird der Sinn entflammt
in dem verwandtschaftlichen Band

 

Ein Schatten in der Nebelwand
der fast der Phantasie entstammt
reicht eine ferne Kinderhand
die eine Wahrnehmung kaum schrammt
läßt die Erinnerung ahnen
In den Urnen glüht unter der Asche das Glück

 

Gottfried Benn

März. Brief nach Meran

 

Blüht nicht zu früh, ach blüht erst, wenn ich komme,
dann sprüht erst euer Meer und euren Schaum,
Mandeln, Forsythien, unzerspaltene Sonne –
dem Tal den Schimmer und dem Ich den Traum.

Ich, kaum verzweigt, im Tiefen unverbunden,
Ich, ohne Wesen, doch auch ohne Schein,
meistens im Überfall von Trauerstunden,
es hat schon seinen Namen überwunden,
nur manchmal fällt er ihm noch flüchtig ein.

So hin und her – ach blüht erst, wenn ich komme,
ich suche so und finde keinen Rat,
daß einmal noch das Reich, das Glück, das fromme,
der abgeschlossenen Erfüllung naht.

Gottfried Benn. Sämtliche Werke. Klett-Cotta, Stuttgart 1998

 

Gottfried Benn

Reisen

 

Meinen Sie Zürich zum Beispiel
sei eine tiefere Stadt,
wo man Wunder und Weihen
Immer als Inhalt hat?

Meinen Sie, aus Habana,
weiß und hibiskusrot,
bräche ein ewiges Manna
für Ihre Wüstennot?

Bahnhofstraßen und Rueen,
Boulevards, Lidos, Laan –
selbst auf den Fifth Avenueen
fällt Sie die Leere an –

ach, vergeblich das Fahren!
Spät erst erfahren Sie sich:
bleiben und stille bewahren
das sich umgrenzende Ich

Gottfried Benn. Sämtliche Werke. Klett-Cotta, Stuttgart 1998

 

Hans-Jürgen Blenskens

Wolkenrosen am Asphalthimmel

 

Unendliche Weite der Wüste
im Begehren der Nähe zu dir
finde ich keine Küste
im Nebel der Sehnsucht ins wir
Kann ich dich nicht erreichen
weht denn der Wind nur zum Meer
will ich die Schuld fast begleichen
gegen die Angst eine Wehr
Weite und Steine die Straße
endet am Graben aus Nicht
fern von dir in dem Maße
daß jede Quelle bricht