Gottfried Benn

Gottfried Benn, 1886 bis 1956, einer der größten Lyriker des 20. Jahrhunderts, Expressionist, hat mich über Jahre in seinen Bann gehalten und übt auf mich immer noch Anziehung und Faszination aus.

Formal hat sich in dieser Reihe bis auf das ältere Porträt eine Malerei in Grauabstufungen entwickelt. Das Hin und Her zwischen Melancholie und Grau trifft und vertieft meine Empfindungen. So ist in Bezug zu Gottfried Benn diese Korrespondenz besonders wirksam.

Ich habe immer wieder Versuche in farbiger Ausprägung gemacht, finde aber hier keinen Ausdruck und keine Ansprache.

Grau ist kühl, distanziert, melancholisch und nicht zuletzt sehr formbildend, wie es auch in der Schwarz-Weiß-Fotografie zu finden ist, die ein weiteres Feld meines Interesses bildet. Die Palette zwischen schwarz und weiß lässt schmückendes Beiwerk weg, geht auf die Form, sucht Licht und Schatten, lässt den Beobachter zum Betrachter werden, wartet ab, stellt Fragen. Diese Einschätzung trifft genauso auf die Farbe zu, ich weiß.

 

Gottfried Benn

Epilog

I

Die trunkenen Fluten fallen –
die Stunde des sterbenden Blau
und der erblaßten Korallen
um die Insel von Palau.

Die trunkenen Fluten enden
als Fremdes, nicht dein, nicht mein,
sie lassen dir nichts in Händen
als der Bilder schweigendes Sein.

Die Fluten, die Flammen, die Fragen –
und dann auf Asche sehn:
„Leben ist Brückenschlagen
über Ströme, die vergehn.“

 

II

Ein breiter Graben aus Schweigen
Eine hohe Mauer aus Nacht
zieht um die Stuben, die Steigen,
wo du gewohnt, gewacht.

In Vor- und Nachgefühlen
hält noch die Strophe sich:
„auf welchen schwarzen Stühlen
woben die Parzen dich,

aus wo gefüllten Krügen
erströmst du und verrinnst
auf den verzehrten Zügen
ein altes Traumgespinst.“

Bis sich die Reime schließen,
die sich der Vers erfand,
und Stein und Graben fließen
in das weite, graue Land.

 

III

Ein Grab am Fjord, ein Kreuz am goldenen Tore,
ein Stein im Wald und zwei an einem See -:
ein ganzes Lied, ein Ruf im Chore:
„Die Himmel wechseln ihre Sterne – geh!“

Das du dir trugst, dies Bild, halb Wahn, halb Wende,
die letzte Neige und das letzte Weh,
bleibt doch der große Chor, der weiterriefe:
die Himmel wechseln ihre Sterne – geh.

 

IV

Es ist ein Garten, den ich manchmal sehe
östlich der Oder, wo die Ebenen weit,
ein Graben, eine Brücke, und ich stehe
an Fliederbüschen, blau und rauschbereit.

Es ist ein Knabe, dem ich manchmal trauere,
der sich in Schilf und Wogen ließ,
noch strömte nicht der Fluß, vor dem ich schauere,
der erst wie Glück und dann Vergessen hieß.

Es ist ein Spruch, dem oftmals ich gesonnen,
der alles sagt, da er dir nichts verheißt –
ich habe ihn auch in dies Buch versponnen,
er stand auf einem Grab: „tu sais“ – du weißt.

 

V

Die vielen Dinge, die du tief versiegelt
durch deine Tage trägst in dir allein,
die du auch im Gespräche nie entriegelt,
in keinen Brief und Blick sie ließest ein,

die schweigenden, die guten und die bösen,
die so erlittenen, darin du gehst,
die kannst du erst in jener Sphäre lösen,
in der du stirbst und endend auferstehst.

 

Gottfried Benn. Sämtliche Gedichte. Klett-Cotta, Stuttgart 1998

 

„Auf welchen schwarzen Stühlen woben die Parzen dich?“

Die Parzen, Schicksalsgöttinnen, sitzen auf den schwarzen Stühlen und legen Grund für die Entwicklung des Einzelnen. Dieser Gedanke hat mich aus verschiedenen Gründen getroffen.

Der Ursprung des Individuums ist beliebig; Familie, Region, kulturelle Umstände, all diese Dinge sind prägend und bestimmen die Person.

Dass es in der Mystik der Griechen die Parzen waren, hat Gottfried Benn als humanistisch gebildeter Mediziner in sein Gedicht aufgenommen. Doch gleichgültig, aus welcher Perspektive, das Faktum des Geprägtwerdens bleibt bestehen.

Die schwarzen Stühle haben Stärke im Ausdruck. In meinem Leben stehen sie in Greven, profan dahinter die kopierte Landkarte, ein Arrangement über Gründe und Bestimmungen.

 

 

 

Gottfried Benn

Mutter

Ich trage dich wie eine Wunde
auf meiner Stirn, die sich nicht schließt.
Sie schmerzt nicht immer. Und es fließt
das Herz sich nicht draus tot.
Nur manchmal plötzlich bin ich blind und spüre
Blut im Munde.

Gottfried Benn. Sämtliche Werke. Klett-Cotta, Stuttgart 1998

Dieses Gedicht Benns, das von schmerzlicher Verbundenheit mit seiner Mutter spricht, hat mich neben seinen eindrücklichen Worten vor allem wegen seiner Bildsprache fasziniert. Jemanden wie eine Wunde an seiner Stirn zu tragen, bedeutet schon ein sehr krasses, wenn nicht schockierendes Bild.

 

 

 

Gottfried Benn

Die Schale

Kommst du zum letzten Male
wir waren doch so allein
und rannen in eine Schale
mit Bildern und Träumen ein.

Es war doch eben noch heute
und unser Meer war die Nacht,
wir waren einander die Beute,
die weiße Fracht.

Wir streiften uns wie zwei Rassen,
zwei Völker von Anbeginn,
die Stämme, die dunklen, die blassen
gaben sich hin.

Kommst du zum letzten Male,
es war doch alles nur Spiel,
oder sahst du wie in die Schale
Tränen und Schatten fiel –

sahst du, sahst du ihr Neigen
in Strömen dieses Weins
und dann ihr Fallen und Schweigen:
die Verwandlung des Seins – ?

Gottfried Benn. Sämtliche Werke. Klett-Cotta, Stuttgart 1998

Die melancholischen Momente der Gedichte sind verwoben mit Stimmungen meines Heimatortes Greven in Westfalen. So ist dem Bild „Die Schale“ eine Ansicht Grevens aus den 50er Jahren zusehen. Den Mittelgrund bildet die Ems, unten ist `die Schale` als Assemblage aufgebracht, das verwitterte Stück eines hölzernen Wagenrads.