Konserven des Geistes

1. Malen auf Blechdosen.

 

Wie kommt man dazu, auf flachgehämmerte Konservendosen zu malen?

Diese Frage wurde mir zur Zeit der Entstehung der „Konserven des Geistes“ und auch danach immer wieder gestellt.

Mein Atelier liegt am Niederrhein auf dem Gelände der Mari Dag Ranch, einem ländlichen Reiterhof mit amerikanischen Western Pferden. Um die Pfähle der Einzäunung der Paddocks und Weiden vor Regen zu schützen, haben wir den Versuch gemacht, Blechdosen von oben auf die Pfähle zu setzen. Von meinem Atelier aus ging mein Blick immer wieder über diese Einzäunung.

Zur damaligen Zeit benutzte ich flächige Materialien (Reste von Sperrholzplatten, Dachpappe, Strombänder, Zementgemische etc.), die ich in die Ölgemälde integrierte. So hatte ich die Idee, auch die Blechdosen einzubeziehen. Ich entfernte Boden und Deckel, drückte das entstandene Rohr zusammen und es entstand ein doppelt gelegtes Rechteck. Zunächst experimentierte ich mit einzelnen Blechdosen, die ich als Elemente der Bildgestaltung einbrachte. Dann begann ich, den gesamten Untergrund mit aufgeschraubten Dosen auszufüllen.

Das erste Bild, das auf diese Art und Weise entstanden ist, war das Portrait von Sigmund Freud. Deutlich zu erkennen daran, dass ich alles, was ich an Blechdosen auftreiben konnte, egal wie groß und in welchem Roststadium, verwandt habe. Später habe ich die Flächen mit Blechdosen bewusster gestaltet. Das entwickelte sich aber erst, nachdem ich alle Reiter der Mari Dag Ranch, Freunde und Familie zum Sammeln von Blechdosen animiert hatte. Schließlich schnitt ich das entstandene Rohr auf, so dass ich für die Fläche meines Formats nicht mehr 80 Konservendosen, sondern nur noch ca. 40 brauchte.

 

2. Porträts

 

Warum male ich Porträts?

Portraits übten und üben auf mich eine besondere Faszination aus. Der Mensch zeigt sein Empfinden, seine Einstellung und Haltung im Besonderen in seinem Gesicht. Lebensfreunde, Strenge, Kreativität, Ängste, Distanz, Offenheit und vieles mehr findet im Ausdruck des Gesichts ein Ponton.

Auch die Verschiedenheit menschlicher Gesichter bildet für mich immer wieder überraschende Momente und das Zentrum des Interesses. Die Vielfalt der Physiognomien ist derartig groß, dass es eine Herausforderung ist, sich damit zu beschäftigen und sie zu malen.

 

3. Warum habe ich diese bestimmten Porträts ausgewählt?

 

Das Fundament meiner Überlegungen bildet die Literatur. Hier vor allem Romane und Lyrik. Benn, Hölderlin, George und Trakl haben wunderbare Gedichte geschrieben, die mich inspirieren, immer wieder neue Welten aufzeigen und den Ursprung meiner Malerei bilden.

 

 

Gottfried Benn

JENA

„Jena vor uns im lieblichen Tale“
schrieb meine Mutter von einer Tour
auf einer Karte vom Ufer der Saale,
sie war in Kösen im Sommer zur Kur;
nun längst vergessen, erloschen die Ahne,
selbst ihre Handschrift, Graphologie,
Jahre des Werdens, Jahre der Wahne,
nur diese Worte vergesse ich nie.

Es war kein berühmtes Bild, keine Klasse,
für lieblich sah man wenig blühn,
schlechtes Papier, keine holzfreie Masse,
auch waren die Berge nicht rebengrün,
doch kam man vom Lande, von kleinen Hütten,
so waren die Täler wohl lieblich und schön,
man brauchte nicht Farbdruck, man brauchte nicht Bütten,
man glaubte, auch andere würden es sehn.

Es war wohl ein Wort von hoher Warte,
ein Ausruf hatte die Hand geführt,
sie bat den Kellner um eine Karte,
so hatte die Landschaft sie berührt,
und doch – wie oben – erlosch die Ahne
und das gilt allen und auch für den,
die – Jahre des Werdens, Jahre der Wahne −
heute die Stadt im Tale sehn.

Gottfried Benn. Sämtliche Gedichte. Klett-Cotta, Stuttgart 1998